Filmstadt Woltersdorf

Hollywood in WoltersdorfSchon vor dem ersten Weltkrieg wurde in Woltersdorf und zu dieser Zeit auch verstärkt im benachbarten Rüdersdorf mancher Filmstreifen mit der Kamera festgehalten. Besonders Regisseur Harry Piel (geb. 1892 in Düsseldorf, gest. 1963 in München) war von 1912 bis etwa 1925 sehr aktiv hier am Arbeiten und ließ einige seiner reißerischen Abenteuerfilme zu großen Teilen in Rüdersdorf und Woltersdorf drehen. Die Rüdersdorfer Muschelkalkfelsen, um den dann während des Ersten Weltkrieg sich bildenden Heinitzsee, hatten es ihm besonders angetan. Der alte Heinitzbruch soff ab und bot mit den ihn um Dutzende von Metern überragenden Kalkfelsen eine gigantische wie zugleich malerische Kulissenlandschaft, wie es keine zweite im Umkreis von mehreren hundert Kilometern rund um Berlin gab. Das glasklare Wasser des mitunter 50 Meter tiefen Sees und die gleißenden, gelb-weißen Kalkmassive, auf deren Bergzügen sich ehrfurchtsvoll Laubwaldbestand breitmachte, waren von ehrfurchtsvoller Schönheit. Wurden die später im Film gezeigten Meereswellen etwas flacher und die Gefilde seichter, so handelte es sich dann oft um den benachbarten Kalksee, genau so romantisch, nur ohne Felsengründe. In Piels Film „Rivalen“ und „Das Gefängnis auf dem Meeresgrund“ gelangten die Wasserlandschaften um Rüdersdorf zu besonders häufiger filmischer Bedeutung. Es wurde natürlich fast nie der gesamte Film in der Mark gedreht. Für etliche Aufnahmen musste auch die Fahrt an die Ost- oder Nordseeküste in Kauf genommen werden oder man ging gar ins Ausland, was einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg ohnehin Usus wurde und den Film in seiner Wertigkeit steigen ließ. Für die Innenaufnahmen standen die Ateliers perfektioniert in Berlin und nur äußerst selten wurden in der märkischen Filmstadt Innenaufnahmen gefertigt. 

Harry Piel wurde hier bekannt durch seine halsbrecherischen Stunts, die er sehr oft selber mit eigenem Leib und Leben in Szene setzte. Selten verwendete Double schienen auch nicht besseres akrobatisches und technisches Vermögen als er besitzen zu können und eine ganze Reihe von mehr oder minder glimpflichen Unfällen bei den Dreharbeiten bestätigten immer wieder den uneingeschränkt draufgängerischen Drehstil Piel´s und das schonungslose Vorgehen in seiner Allmacht als Regisseur. Was bei Piel noch in dieser Beziehung fehlte, wurde von May wenig später perfektioniert. Am Rüdersdorfer Heinitzbruch befand sich ein während der Dreharbeiten in dieser Gegend fast immer besetztes Sanitätszelt. Aus Aufzeichnungen des damals in Woltersdorf ansässigen Kurhausarztes Dr. Grabley, übrigens der Vater der später von May entdeckten Schauspielerin Ursula Grabley und aus den Akten der in den zwanziger Jahren hier praktizierenden Frau Dr. Helbig geht hervor, dass fast täglich Unfälle aller Art auf den diversen Filmplätzen zu verzeichnen waren. Das fing an mit Riss- und Schnittverletzungen der Komparsen an rostigen Lanzen, über Bein- und Rippenbrüche bei „Felsstürzen“ gewollter und ungewolltermaßen, bis hin zu Biss-, Schlag und Kratzwunden durch bösartige Zebras oder Löwentatzen.

Gerade was die halsbrecherischen Stunts betraf, gab es in der filmischen Fachpresse zu dieser Zeit heftige Diskussionen und Debatten, wie und wo und ob überhaupt bei den Pielfilmen von „Originalen des Meisters“ selbst gesprochen werden konnte. Fest steht, dass Piel nicht immer seinen Kopf und Kragen hinhielt, fest steht aber auch die Aussage mehrerer Woltersdorfer Komparsen und Schaulustige, die sahen, wie ein anderer und nicht Piel mit dem Motorrad von der 18 Meter hohen Kiesschurre in den Flakensee raste. Die Filme „Das Gefängnis auf dem Meeresgrund“ und das „Fliegende Auto“, zu großen Teilen in den Außenaufnahmen in Woltersdorf 1920 entstanden, gaben diesbezüglich jedenfalls Stoff für die folgende Veröffentlichung im Magazin „Der Film“ 1921.

 

 

Weiterlesen kann man in den Büchern von Gerald Ramm „Als Woltersdorf noch Hollywood war“ und „Das märkische Grabmal“
 
Translate »