Deutsche Lebensreform und Fidus

Der Begriff der Lebensreform hat sich einst aus dem der „natürlichen Lebensweise“ entwickelt. Das geschah etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Entstehung und Verbreitung der Naturheilkunde und des Vegetarismus, erstreckte sich aber bald auf fast alle Bereiche des menschlichen Lebens. Etwa ab 1871 reagierten Teile des jungen Bildungsbürgertums  mit neuartigen Reformforderungen auf die schlimmen Auswirkungen der Industriealisierung in den Großstädten: das in dunklen Mietskasernen zusammengepferchte Industrieproletariat lebte ohne jede Hygiene, die Kindersterblichkeit war dementsprechend hoch, Tuberkolose, Seuchen, Alkoholsucht taten das Übrige. Den Ärzten fielen diese unhaltbaren Missstände zuerst auf. Aber nur wenige, wie etwa der Leipziger Volksarzt Dr. D. G. M. Schreber (1808 – 1861), Anreger der Schrebergärten, hatten das Durchhaltevermögen, spürbare Verbesserungen durchzusetzen.

Zu diesen wenigen gehörten die Naturärzte Sebastian Kneipp (1821 – 1897), eigentlich Pfarrer,der als „Wasserdoktor“ bekannt wurde, Johann Schroth (1800 – 1856), der der Wasserkur noch eine Diät hinzufügte, desgleichen, der Schweizer Max Bircher-Brenner ( 1867 – 1839), dessen Müsli heute noch in allen Reformhäusern zu haben ist. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Sie alle erreichten aber nur relativ wenige, zumeist auch zahlungkräftige Patienten. Der Vegetarist Eduard Baltzer (1814 – 1887), auch ein Pfarrer, gründete bereits 1867 in Nordhausen einen „Verein für naturgemäße Lebensweise“, mit dem er viele Menschen erreichte.

Lebensreform musste aber den ganzen Menschen erfassen, sollte sie positive Wirkungen erzielen. So entstand alsbald die Nudistenbewegung,die – zunächst nur in streng abgeschirmten Bereichen – den ganzen Körper dem Licht, der Luft, dem Wasser aussetzte. Die Kleiderreform schuf fließende Hüllen, die dem Körper freien Spielraum gewährten und aus Naturfasern bestanden. Die Schrebergärten wurden durch eine stetig wachsende Gartenstadt- und Siedlungsbewegung erweitert, deren bekannteste Orte Hellerau, Oranienburg, Heimland und Falkenberg sind; auch Woltersdorf-Schönblick war wohl ursprünglich in diesem Sinne gedacht.

1875 entstand mit dem „Deutschen Verein zum Schutze der Vogelwelt“ die erste Keimzelle des Naturschutzes, fünf Jahre später durch Ernst Rudorffs (1840 – 1916) Aufsatz “ Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur“ theoretisch begründet und auch erstmals gesetzmäßig verankert.

Dem Naturschutz folgten unmittelbar der Heimatschutz und die Heimatpflege: 1884 gründeten die Woltersdorfer, so wie viele andere Orte, ihren Verschönerungsverein (Woltersdorf). Diese Bemühungen setzten aber eine breitere Volksbildung voraus, Schrittmacher auf diesem Gebiet waren die späteren „Friedrichshagener“ Bruno Wille (1860 – 1928) und Wilhelm Bölsche (1861 – 1939), die mit anderen zusammen die Arbeiterabendschulen organisierten, sie später mit der Freien Hochschule vereinigten und zu der heutigen Volkshochschule führten. Ähnliche Ziele verfolgte ihre Volksbühnenbewegung und die freie Bühne, die dank ihrer raffinierten Organisation, sowohl billige Theaterkarten für arme Leute ausgeben und zugleich die strenge kaiserliche Zensur umgehen konnte.

Die Ziele der Reformer wurden stetig höher angesetzt, schließlich sollte der ganze Mensch leiblich und geistig erfasst, geheilt, also reformiert werden. Dazu gehörten bald auch der Sport und die Kunst.Wander- und Gymnastikvereine wurden gegründet, spätestens mit der Spandauer Wandervogelbewegung ab 1904 wurden sie zu einer Massen-, vor allem Jugendbewegung. Vorher kannte man in Deutschland nur die einzelnen wandernden Handwerksburschen, jetzt zogen große Gruppen von Schülern und Studenten durch die Lande, es entstanden Zeltlager und Jugendherbergen. Bald gab es auch wandernde Mädchengruppen, bei der Gymnastik waren sie ohnehin rasch dabei – natürlich räumlich getrennt von den Jungs. Ihre eigentliche Domäne wurde der Tanz, speziell der moderne Ausdruckstanz und die Eurythmie.

Eine sehr idealistische Forderung lautete „Lust statt Leistung“ – dazu gehörte natürlicherweise auch eine Ehe- und Sexualreform. Im Gedächtnis der Nachwelt sind vor allem die jahrzehntelangen Kämpfe um den Abtreibungsparagraphen haften geblieben, aber diese Reform umfasste viele Bereiche, z.B. die Untersuchungen des Dr. Magnus Hirschfeld (1868 – 1935), die schließlich zur Abschaffung des § 175 und zur Rehabilitierung der Lesben und Homosexuellen führte.

In der Kunst begannen die Umstellungen zuerst im Kunstgewerbe, also den Gegenständen des täglichen Bedarfs, die den Menschen mit allgegenwärtiger Schönheit umgeben sollten. Dazu gehörten Architektur, Inneneinrichtungen, Geschirr, Heimtextilien und im besonderen Maße auch die Buchkunst. Erster Höhepunkt dieser künstlerischen Umstellungen war der Jugendstil mit seinen floralen Ornamenten allenthalben, der später, wie so manche Pflanze, unschöne Wucherungen austrieb und mit den schlichten Bauhaus-Formen radikal selbst reformiert wurde.

Geistige Reformen mannigfacher Art mündeten zunächst in pädagogischen Neuansätzen (Odenwaldschulen, Waldorfschulen) und in Neu-Religionen, etwa den Monismus des Biologen Haeckel (1834 – 1919) oder die erfolgreichere Antroposophie des Rudolf Steiner (1861 – 1925), deren Zentrum in Dornach in der Schweiz noch heute weltweit arbeitet.

Nachwirkungen aller dieser Reformansätze sind heute in der gesamte Alternativkultur zu finden, deren Beschreibungen und kontroverse Diskussionen ganze Bibliotheken füllen. Wir verkneifen uns das und erinnern uns an Meister Fidus.

Fidus gilt einschlägigen Fachleuten heute weniger als großer Künstler denn als Interpret der Lebensreform in fast allen Bereichen, von den zaghaften Anfängen bis zu den Ausuferungen und Entgleisungen der Spätzeit; nicht umsonst sahen die Nazis in den reformatorischen Vereinigungen reale Konkurrenten und verboten sie alle.

Fidus künstlerische Darstellungen der und für die Lebensreform begannen in seiner Lehrzeit bei Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913), der einer der frühesten  Aussteiger war und als „Kohlrabiapostel „ verhöhnt wurde. Von ihm bekam er den Namen “ Fidus “  – der Getreue – verliehen, vor allem für seine Arbeit an dem riesigen Schattenfries “ Per Aspera ad Astra “  ( heute in Hadamar). Es zeigt nackte Kinder in einer blumigen Wiese bei heiterem Spiel.

Fidus nächste Station war ab 1893 in Berlin seine Arbeit an der „Sphinx“  des Dr. Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846 – 1916), die sich der Theosophie widmete. Zunächst in kleinen Zierleisten, Schlussstücken und anderen illustrativen  Elementen, dann auch in ganzseitigen  Darstellungen, umrahmt von sinnbildhaften Zeichen, bebilderte er dieses esoterische  Gedankengut.

Sein Name wurde dadurch, und ebenso durch neugewonnene Freunde aus der Kulturszene, in der aufstrebenden Reichshaupstadt bekannt und populär. So erschienen bald Fidus-Zeichnungen in vielen Zeitschriften der einschlägigen Vereine, oft sogar als Titel.

Ab 1895 übernahm der teure „Pan“ viele kleine Vignetten von Fidus, die „Jugend „ beschäftigte ihn von ihrem ersten Erscheinen 1896 bis zum Jahre 1908, das „Kunstgewerbeblatt“ brachte 1900 ein Titelblatt von ihm – um nur diese drei Beispiele zu nennen. Viele der überaus zahlreich erscheinenden (und oft nur kurzzeitig lebenden) Periodika erbaten sich einzelne Illustrationen  für einschlägige Themen oder Artikel. Aber es gab auch Redakteure, die ihm zeitlebens  freundschaftlich verbunden bleiben und ihn laufend veröffentlichten, so der Dresdner Erich Griebel mit seiner  „Schönheit“ (Fidus von 1903 bis 1938 dabei) oder Magnus Weidemann mit seiner „Freunde“ –  beide brachten auch Sonderhefte über Fidus.

Fast unübersehbar ist der Reigen von Plakaten, Faltblättern oder Firmensignets, die Fidus  entwarf, überwiegend für reformerische Vereine, Heime, Bäder, gesunde Produkte oder Erfindungen, aber auch für Firmen und Kaufhäuser. So führte das Kaufhaus Wertheim seinen Globus auf dem  „W“ als werbewirksames Signet am Haus und auf seinen Einkaufstüten.

 In den Bibliophilen-Vereinen Deutschlands gilt Fidus – bei allen anderen Vorbehalten gegenüber seiner Kunst – auch heute noch als ein verdienstvoller Erneuerer der Buchkunst, da er das Buch als Gesamtkunstwerk betrachtete und durchgestaltete.

Das beste Beispiel: Bruno Willes Roman „Offenbarungen des Wachholderbaums“, 1901 bei Eugen Diederichs in Leipzig, später in Jena, erschienen. Einband, Vorsatzpapier, Titelei, Umrahmungen, Zierleisten, Schlussstücke – alles ist aus einem Guss. Diese wegweisende Buchkunst brachte ihm damals auch viele private Aufträge für Exilibris ein, von denen er 79 ausführte, dazu kommen noch 4 Universal-Exlibris, wie sie damals in Kaufhäusern und Buchhandlungen angeboten wurden, und 6 Entwürfe für Freunde, die wohl aber nicht zum Druck gelangten.

Waren die Exlibris-Sammler auch zumeist gutbürgerliche Intellektuelle, so sind auf den Blättern doch überwiegend Themen der Lebensreform zu sehen, also müssen die Eigner sich auch dazu bekannt bzw. sie praktiziert haben.

Auch die Postkarten, die Fidus im Auftrag einschlägiger Vereinigungen schuf, hatten offenbar hohe Auflagen, denn sie tauchen heute noch häufig im Kunsthandel und in  Privathaushalten auf.

 

Autorin :  Ute Wermer

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