Dr. med. Marie Helbig

helbigDr. med. Marie Helbig – ein Woltersdorfer Original.
(22.11.1878 – 19.10.1970)

 

Marie Helbig begann ihr Studium schon vor 1900, und zwar in der Schweiz, da Frauen in Deutschland damals zum Medizinstudium noch nicht zugelassen waren. In Woltersdorf, wo sie rund 50 Jahre praktizierte, galt sie als tüchtige, bei den Patienten beliebte Ärztin, die aber auch ihre Eigenheiten hatte und besondere Methoden in ihrer Praxis pflegte.

Sie war die Tochter eines Gutsbesitzers aus der Merseburger Gegend. In den zwanziger Jahren machte sie ihre Hausbesuche mit einem Einspänner-Kutschwagen. Bisweilen sah man sie auch in ihrem Garten, die lange Jägerpfeife oder eine Zigarre rauchend im Jagdkostüm lustwandeln. Ihr Haus (Schleusenstraße 12) hatte sie Gerhard Hauptmanns „Haus Seedorn“ auf der Insel Hiddensee nachgestalten lassen.

In den 1930er Jahren und dann auch nach Kriegsende kutschierte sie im alten grünen Zweisitzer-Automobil durch Woltersdorf. Als Fräulein Dr. Helbig – auf das Fräulein legte sie besonderen Wert – einmal bei einer Dienstfahrt mit Gemeindeschwester Wally von der Goethestraße in die Berliner Straße einbog, ohne das Stoppschild zu beachten und die von Rahnsdorf kommende Straßenbahn sie fast am Heck streifte, meinte sie auf den Aufschrei der Schwester nur: „Musste das eben sein? Der Arzt hat immer Vorfahrt!“ Darauf Schwester Wally: „Auch Vorfahrt in den Himmel?“

Unermüdlich und pflichtbewusst praktizierte sie bis ein Jahr vor ihrem 90. Geburtstag, inzwischen offiziell geehrte mit dem Titel Sanitätsrätin. Wenn alte Patienten teilnahmsvoll fragten: „Fräulein Doktor, wie lange wollen Sie denn noch arbeiten?“, pflegte sie zu antworten: „Ich habe in meinem Leben so viele Erfahrungen gesammelt, soll ich die brachliegen lassen?“, oder ironisch: „Mein letztes Rezept werde ich wohl noch aus dem Sarg herausreichen!“

Am 19. Oktober 1970 starb sie, kurz vor ihrem 92. Geburtstag. Als der Pfarrer in der St. Michaels-Kirche zur Traueransprache auf Leben und Wirken der geachteten Ärztin ansetzte, fragte ein Kollege aus dem Nachbarort hörbar in der vollbesetzten Kirche: „Ist das der Sarg, der über 20 Jahre auf die Alte gewartet hat?“

Anlass für diesen makabren Satz war die allseits bekannte Tatsache, dass sie sich bald nach Kriegsende einen Sarg aus Eichenholz hatte machen lassen, weil damals die Sterblichkeit hoch war und viele Menschen in Ermangelung von Holzsärgen in Papierhüllen beerdigt werden mussten. Der Eichensarg stand jahrzehntelang sicher verwahrt auf ihrem Dachboden und Frau Lindenberg, die treue Haushälterin, musste des öfteren hinauf steigen, Staub wischen und die Messingbeschläge blank putzen. Manche behaupten sogar, sie habe für den Fall ihres Ablebens verfügt, Frau Dr. med. Schilling solle vor der Beerdigung vorsichtshalber nachprüfen, ob sie wirklich tot sei.

So war sie eben – eine originelle Persönlichkeit, von den Woltersdorfern mit liebevollem Respekt „Unser Doktor Mariechen“ oder einfach nur „Mariechen“ genannt. Doch das hörte sie nicht gern.

Quelle: Aus den Aufzeichnungen von Dr. med. Hans-Ludwig Brückner

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