Ortschronistentag September 2012

Tag der Ortschronistentag und Heimatforscher
des Landkreises Oder-Spree
am 01. September 2012

 

Am frühen Morgen, um 07:30 Uhr trafen wir uns am Bahnhof Fürstenwalde. Herr Trampler steuerte mit seinem Bus Berlin an. Bald erreichten wir unser erstes Ziel, das Evangelische Landeskirchliche Archiv.

Der Leiter des Archivs, Dr. Wolfgang Krogel, begrüßte uns und stellte dabei kurz das Haus und seine Funktionen vor. Das Gebäude wurde im Jahr 2000 in Würfelform gebaut. Der größte Teil des Hauses ist dem klimatisierten Magazinbereich vorbehalten, hier werden die Bestände nach und nach digitalisiert. Hier befinden sich zusammengefasst vier Archive, das Evangelische Zentralarchiv (EZA), das Evangelische Landeskirchliche Archiv (ELAB), das Diozysan Archiv des Erzbistums Berlin und das Missionsarchiv (äußere Mission).

Dr. Krogel und reichte nun das Mikrofon an Dr. Hilpert und Herr Buchholz weiter, die uns in die Geheimnisse der Archivarbeit einführten. Durch die Teilung der Stadt von 1945 bis 1985 gab es bisher zwei Archive für die Region Berlin/Brandenburg. In Westberlin wurde das Evangelische Zentralarchiv am Bhf. Zoo geführt und in Ostberlin, im Bonhoeffer-Haus ein Archiv für Berlin und Brandenburg aufgebaut. Nach der Wiedervereinigung wurden beide Archive in diesem Neubau vereint. Dr. Hilpert wusste, das erst Ende des 16. Jahrhunderts mit regelmäßigen Aufzeichnungen in Kirchenbüchern begonnen wurde. Herr Buchholz ergänzte, das älteste Berliner Kirchenbuch stammt aus dem Jahr 1583 und ist leider nur noch in Fragmenten vorhanden. In St. Katharinen in Brandenburg/Havel gibt es noch ein gut erhaltenes Exemplar aus dem Jahr 1573. In den Büchern wurden die Daten von Taufe, Konfirmation, Heirat und Bestattung vermerkt. Erheblich später kamen Konfirmationsbücher hinzu.

Ab 1794 griff der Staat mehr und mehr in diese Aufgabe der Kirchen ein und gliederte sie in das preußische allgemeine Landrecht ein. Die Eintragungen wurden nun mit Duplikaten geführt. So entstand aus den kirchlichen Aufzeichnungen ein Personenbestandsregister. Ab 1874 brauchten dann keine Kirchenbücher mehr geführt werden. Erst ab 1933 wurden die Kirchenbücher wieder interessant, weil in dieser dunklen deutschen Zeit, viele Bürger Nachweise über ihre arische Rassezugehörigkeit vorweisen mussten.

Die Taufkartei von Alt-Berlin umfasste zu der Zeit rund 1.2 Millionen Karten, getrennt nach Geschlechtern und war weltweit die größte Sammlung von Karteikarte. Ab 1960 ging man dazu über, den Bestand auf Mikrofiche zu sichern. Mittlerweile wurden so über 700 Kirchenbücher gesichert und digitalisiert. Diese Datenbank wird demnächst im Internet zur Verfügung stehen.

Nach der sich anschließend Führung durch das Archiv steuerte unser Bus das nächste Ziel Müncheberg an.

Klaus Stieger vom Verein „Wiederaufbau der Stadtkirche“ empfing uns in St. Marien in Müncheberg. In der gotischen Hallenkirche wurden wir mit einem Mittagessen gestärkt. Anschließend erklärte uns Klaus Stieger in einem Vortrag, wie es dazu kam, dass die Kirche einerseits Gotteshaus und andererseits Veranstaltungsort ist.

Das aus der ersten Hälfte des 13. Jhds. stammende, von Zisterzienser erbaute, Gotteshaus wurde im April 1945 zerstört, nur der Altarraum mit dem Altar und der Bibel blieben erhalten. Es war kalt, der Altar war aus Holz, er wurde kurzerhand verheizt. Das Altarbild wurde auf dem Dachboden der Pfarrei versteckt und vergessen, sodass es Jahre später fast auf dem Sperrmüll landete.

Ab den 60er Jahren verfiel die Kirche immer mehr. Alles war zugewuchert, nur der Kirchturm war noch sehen. Mit Hilfe von Herrn Wesseling wurde eine Bürgerinitiative gegründet, die als Erstes das Umfeld und die Kirche entrümpelte. Fördermittel für den Wiederaufbau der Kirche wurden beantragt. Die Denkmalschutzbehörde stellte sich gegen den Wiederaufbau. Hartnäckigkeit wurde das Ziel weiter verfolgt. Mit einem Kompromiss gelang es doch noch, die Zustimmung der Behörde zu erhalten. Die Einigung ging dahin: Wiederaufbau der Ruine nur soweit, dass für die gotische Hallenkirche ein neues Dach geschaffen wurde, zudem erhielt sie im Innenbereich, an der Nordwand, eine moderne Architektur, die wie ein Schiffsrumpf aussieht. Die Arbeiten zogen sich von 1992 bis 1997 hin und beherbergen heute die Stadtbibliothek, einen Sitzungssaal, Sanitärräume und eine Küche. Trotz des modernen Einbaus ist die Raumwirkung der gotischen Kirche erhalten geblieben und die Wände der Ruine erzählen von der Geschichte des Gebäudes.

Hier gesellte sich Frau Panzer von der Betreiber GmbH hinzu und stellte die drei Säulen, die die Kirche tragen vor. Zum einen die Evangelischen Kirchengemeinde von Müncheberg, zum Zweiten der Förderverein, der die Stadtpfarrkirche verwaltet und nutzt, zum Dritten die Betreiber GmbH. Der Förderverein ist für die Koordination aller Termine verantwortlich. Wobei die kirchlichen Termine wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten und die Sonntage natürlich Vorrang haben. Die Kirchenräume werden auch privat vermietet, um die Betriebskosten von jährlich etwa 65 TE aufzubringen.

Klaus Stieger verwandelte sich nun in unseren Stadtführer. Müncheberg entstand zwischen 1225 und 1232 und hieß ursprünglich „Lubes“, in Anlehnung an das schlesische Kloster Leubus. Zisterziensermönche bekamen den Marktflecken 1224/1225 von dem schlesischen Piastenfürsten Heinrich dem Bärtigen geschenkt. Die Mönche gründeten am 29. Juni 1232 ein Dorf und nannten es „municheberc“. Erstmalig wird Name 1233 in einer Urkunde erwähnt. Die Entwicklung vom Marktflecken zu einer der bedeutendsten Städte der Mittelmark ging rasant vonstatten und 1245 erhielt sie das Stadtrecht. Durch die Folgen verschiedener Kriege wurde die Stadt weithin zerstört. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts brachte die Ansiedlung von 40 französischen Familien und einer Garnison den Aufschwung. Müncheberg wurde zu einem Handels- und Warenzentrum. An einer Poststation wechselten täglich etwa 200 Postpferde. Reisende besuchten die Stadt und auch das kulturelle Leben blühte auf. Brandenburgs erstes Heimatmuseum und der erste Heimatgeschichtsverein der Mark hatten 1865 hier ihren Ursprung. Durch die Inbetriebnahme der Bahnstrecke „Ostbahn“ geriet Müncheberg ins Abseits. Erst als Edmund Rumpler 1915 die Militärfliegerschule nach Müncheberg holte und sich wissenschaftliche und medizinische Forschungseinrichtungen ansiedelten ging es wieder aufwärts. Durch den ersten und zweiten Weltkrieg wurden alle Bemühungen zunichtegemacht. Im zweiten Weltkrieg fielen mehr als 85 Prozent der historischen mittelalterlichen Bauten der Zerstörung zum Opfer, die Stadt wurde damit ihres einstigen Charmes fast vollständig beraubt. Die alte Stadtbefestigung mit der 1.800 Meter langen Stadtmauer und den beiden Verteidigungstürmen im Osten und im Westen der Altstadt ist als mittelalterliches Zeugnis übrig geblieben. Dominierend überragt die Kirche auf ihrem Hügel das Stadtbild. Den Rundgang durch die Stadt habe ich in einer Slideshow festgehalten.

Wir fuhren weiter nach Trebnitz. Im Trebnitzer Schloss wurden wir mit duftender Kaffe und frischgebackenem Kuchen empfangen. Auch die Historie kam nicht zu kurz. 

Der Ort entstand ebenfalls aus der schlesischen Landschenkung von 1225. Das Dorf wurde nach dem schlesischen Kloster benannt. Urkundlich wurde Trebnitz 1244 das erste Mal erwähnt. Ab 1412 zogen adlige und bürgerliche Familien hierher, durchbrachen damit die klösterliche Abgeschiedenheit. Der Ort wurde 1432 fast völlig zerstört. Die Bahnstrecke „Ostbahn“ im Jahr 1867 belebte den Ort wieder und brachte wirtschaftlichen Aufschwung.

Das Schloss Trebnitz, ein aufwendig restaurierter neubarocker Putzbau, wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem dreigeschossigen Bau mit elf Achsen umgebaut. Ein vorgezogener Säulenportikus ist das Schmuckelement des fünfachsigen Mittelrisalits. Rittmeister Georg Friedrich von Ziethen war ab 1707 Grundherr in Trebnitz. Die Schlossparkanlage gestaltete er in enger Zusammenarbeit mit dem Botaniker Dr. Gleditzsch. Der Dorfpfarrer Lehmann stellte besonders vier ausländische Bäume und indische Gewächse als Sehenswürdigkeit in den Vordergrund. Ein merkwürdiges baumhohes Staudengewächs aus Afrika, ein Meliathus africanus mair, wurde im Volksmund auch Ziethenia, nach dem Schlossbesitzer oder Honigbaum genannt. Honigbaum deshalb, weil die rotfarbenen Blüten in den frühen Morgenstunden eine süße nach Honig schmeckende Flüssigkeit absonderten. Heute ist hier ein Bildungs- und Begegnungszentrum beheimatet.

Nach der interessanten Besichtigung setzten wir unsere Fahrt in Richtung Fürstenwalde fort. Klaus Stieger, der uns begleitete, ließ zu unserer Überraschung in Jahnsfelde einen Zwischenstopp einlegen. Jahnsfelde, auch eine schlesische Gründung, wurde 1244 erstmals als Jansuelde erwähnt. Der Ort ging in den Besitz der Familie Pfuel als Stammsitz über. In ihrer Zeit entstand ein historischer Ortskern mit Feldsteinkirche, einem Gutshaus (Schloss) und Park mit seltenen Bäumen. Ebenfalls trug die Familie von Pfuel dazu bei, dass sich hier ein geistig kulturelles Zentrum, in dem sich Größen aus Kunst, Kultur und Politik des 18.und 19. Jahrhunderts trafen, entwickelte. Der Bekannteste ist Ernst von Pfuel, in Jahnsfelde geboren, der mit Kleist, den von Arnims und Varnhagen sowie Körner, Scharnhorst, Gneisenau und Freiherr von Stein befreundet war. 1945 wurde die Familie enteignet.

Es war ein schöner Tag, wir haben viel gehört und gesehen. Müde ging’s zurück nach Fürstenwalde und von da mit der ehemaligen Ostbahn nach Hause.

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