„Berliner Bär“ auf große Fahrt

Der Segelclub Flakensee e.V in Woltersdorf feierte am 2. Mai seinen 60ten Geburtstag.

Gratuliert hat auch ein Geburtstagskind, die Segelyacht „Berliner Bär“. Fünfzig Jahre alt wurde sie, die Jahre sah ihr niemand an.

Segelyacht Berliner Bär  vom Segelverein am Flakensee in Woltersdorf

Dass es diese Jacht gibt, ist eine Geschichte, die ich hier gerne erzählen möchte.

Im Jahr 1955 gründete Harald Dorau und seine Frau Christa mit einigen Wassersportlern den Segelverein am Flakensee in Woltersdorf. Eines der ersten Projekte war der Bau einer eigenen Werkstatt. Diese Werkstatt war und ist bis heute die Grundlage für kontinuierliches Arbeiten. Hier entstanden die „Cadets, Zweihandjollen“ in Eigenproduktion.

Die Anzahl der Mitglieder wuchs rasant und langsam wurde der Bootsschuppen des Vereins zu eng. Eng wurden auch die heimischen Gewässer rund um Berlin, die Sportler sehnten sich nach mehr Meer. Über einen befreundeten Berliner Segelclub, der eine ältere Segelyacht sein Eigen nannte, wurde es den Woltersdorfern Seglern möglich, an Fahrten auf Hoher See teilzunehmen. Im Laufe der Zeit wuchs so eine Mannschaft von Seeseglern heran.

Das gebar den Wunsch nach einer eigenen Segelyacht. Die Idee, wir bauen eine eigene Yacht, wurde 1962 geboren. Einige munkelten, dass der Plan in einer feucht-fröhlichen Runde entstanden sein soll. Seemannsgarn oder nicht, die Idee, der Plan ließ sie nicht mehr los. Ein Ziel für die erste große Fahrt wurde gleich mit festgelegt. Havanna sollte es sein.

Der Plan stieß anfangs auf große Skepsis. Einige meinten, Spinner sind da am Werk. Fragen über Fragen tauchten auf. Woher das Material für einen solchen Bau nehmen? Bis zum Stapellauf, wie viel Zeit würde vergehen? In welcher Werft konnte solch eine Yacht gebaut werden?

Streckenweise wurde die Planung von Staatlichen und sportlichen Stellen blockiert. Die Enthusiasten ließen sich dadurch nicht beirren, gründeten 1963 die Interessengemeinschaft „Hochseekreuzer Patriot“.

Das war der Name der Yacht in der Planungsphase. Am Anfang steht das Geld, ganze 500 Mark sammelten 35 Sportler. Damit war das Startkapital vorhanden. Der Bauplatz der Yacht wurde auch gefunden. Der schmale Uferstreifen des Klubgeländes wurde zum Werftgelände. Dort sollte die seetüchtige Yacht entstehen, die mit sechs bis acht Seglern, von ihrem Heimathafen Woltersdorf, alle Meere befahren konnte.

Werner Siegel, von Beruf Formgestalter, entwarf das Konzept. Der Entwurf war eine verkleinerte Variante der Yacht „Immer Bereit“. Kein Flossenkieler, ein Kielschwerter sollte es werden, da diese Boote, die Oder, selbst bei niedrigem Wasserstand befahren können. Unterstützt wurde das Projekt von über 40 Betrieben und Institutionen.

Jetzt begann eine sehr anstrengende, aufregende Zeit. Harald Dorau sauste rastlos kreuz und quer durch die Republik und beschaffte mit großer Hartnäckigkeit bei rund 50 VEB-Betrieben das Material für den Bau des Bootes. Der Rumpf entstand aus geschweißten Stahlplatten auf Spanten, mit einem hievbaren Kielschwert. Innen unterteilte sich der Rumpf in Motorraum, Kombüse, Messe, Logis. Als Segellast dienten die Kojen, die in den drei mittleren Räumen untergebracht wurden. Das Rigg wurde als Bermuda-Yawl gebaut, versehen mit einem 16,4 m hohen Groß- und einem 9 m hohen Besanmast.

Mit der Ruhe am Flakensee war’s für die nächsten zwei Jahre vorbei. Ärzte, Maurer, Studenten wurden nun unter Leitung des erfahrenen Schiffsbauers Walter Moritz, zu Segelschiffbauer. Unter der Plane, die die Werft war, wurde an Wochenenden, Sonn- und Feiertagen, jeden Urlaub ob Sommer oder Winter geschuftet. Schweißbrenner fauchten, Kompressoren jammerten, wuchtige Hammerschläge dröhnten über die sonst idyllische und friedliche Bucht. Kollabierte das Stromnetz, flogen Sicherungen raus, dann gab’s Ruhe. Wochenendler rebellierten, manche Anzeige kam ob der dauernden Lärmbelästigung, aber allen Problemen zum Trotz verrauchte die Begeisterung nicht.

In harten 15.000 Arbeitsstunden wurde der Segler vollendet. Das Boot war 13,40 m lang, 3,40 m breit. Der maximale Tiefgang betrug 2,40 m bei einer Wasserverdrängung von ungefähr 13 Tonnen. Eine Segelfläche von 120 qm versprach gute Fahrt. Soweit bekannt, ist diese Yacht das bisher größte von Laien und nicht auf einer Werft gebaute Schiff. Der „Berliner Bär“, so wurde das Boot beim Stapellauf am 29. Mai 1965 getauft, absolvierte erfolgreich seine Test- und Trimmfahrten. Bei einer der Probefahrten, am 12. Juli 1965, schrieb der damalige Präsident der Volkskammer Prof. Dieckmann, der als Gast mitfuhr, in das Bordbuch: „allzeit guten Wind“.

Mit Duldung und Beteiligung staatlicher Stellen der DDR verlies der „Berliner Bär“ am 19. September 1965, den Hafen von Stralsund zu seiner ersten große Reise ins Mittelmeer. Kuba, wie einst gedacht, war doch wohl fürs Erste etwas zu weit.

In der Mannschaftsliste finden wir, Ulli Gaida der Jüngste, Harald Dorau der unermüdliche Beschaffer, Walter Moritz der erfahrene Schiffbauer, den gewieften Expeditionsleiter und freischaffender Filmemacher Karl Behrendt und Fritz Schröder als Reporter vom „Neuen Deutschland“.

Auch die Ablösemannschaft in Split war ähnlich gestaltet.

Die Reiseroute führte von Stralsund mit Stopps in Kiel und Ramsgate, durch den Ärmelkanal, die Biskaya, an Gibraltar vorbei ins Mare Mediterraneum zur Adria. Auf dem Weg ins Mittelmeer lief der „Berliner Bär“ die Häfen von Kap Finisterre, danach Gibraltar an.

Im Hafen der Halbinsel Split wurde die Yacht überholt und die Mannschaft ausgetauscht. Das Boot nahm dann Kurs auf Alexandria mit Halts in Bari und Brindisi im italienischen Stiefelabsatz. Die nächsten Stationen der Reise waren Beirut, Famagusta und Iraklion. Von da ging es durch die enge Straße von Messina, hier konnte Odysseus wählen, Scylla oder Charybdis zur kleinen Insel Stromboli. Von dort ging die Reise nach Neapel, wobei auch ein Abstecher nach Pompeji möglich wurde. Nach Bastia auf der Insel Korsika und Marseille endete die Reise bei Port du Bouc. Hier wurden die Masten gelegt und die Fahrt ging auf der Rhône, über die Saône, die Doubs, den Rhein-Rhône-Kanal, dem Grand Canal d’Alsace in den Rhein.

Im Mai 1966 fuhr die Segelyacht auf dem Rhein am Bonner Bundestag vorbei. Sie erregte großes Aufsehen, wehte doch am Heck die Fahne der DDR. Weiter ging die Reise durch den Rhein-Herne-Kanal, den Dortmund-Ems-Kanal in den Mittellandkanal. Von dort gelangte der Segler über die Weser und dem Oste-Hamme-Kanal in die Elbe. In Rendsburg konnten die Masten gestellt werden und am 13. Mai 1966 lief der „Segelyacht Berliner Bär WoltersdorfBerliner Bär“ nach acht Monaten wieder in Stralsund, dem Ausgangspunkt der Reise, ein.

Danach befuhr der „Berliner Bär“ nur noch die Küsten der Ostsee oder lief Ziele im sozialistischen Ausland an.
Die große Herausforderung aber war und ist, begeisterte Crewmitglieder zu finden, die Seesegler sein wollen und nicht nur Schönwetter-Segler. Die bereit sind in ihrer Freizeit, die allzeit anstehenden Überholungen an der Segelyacht zu meistern.

Mit Bravour wurde der „Berliner Bär“ durch die stürmischen Wendezeiten gebracht. Heute wird die Segelyacht mit wechselnder Mannschaft für Ostseetörns genutzt.

Das Beste kommt zum Schluss. Der „Berliner Bär“ hat nie den Eigner gewechselt. Sie gehört nach wie vor dem Segel-Club-Flakensee e.V. in Woltersdorf. Es ist zu hoffen, dass die Skipper nach wie vor eine handbreit Wasser unterm Kiel haben und der Ruf erschallen kann „Leinen los“.

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