Offene Gartenpforte 2015

Narzissen
von Heidrun & Dr. Jürgen Wilke

Schon der Liederdichter Paul Gerhardt (1607 – 1678) hat in einem Kirchenlied die Narzissen gepriesen: „Narzissen und Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salominis Seide…“ In Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden ist laut Umfragen die Tulpe die bekannteste Frühlingsblume, dagegen wird in Großbritannien, in den USA und in Australien die Narzisse als Frühjahrsblüher in der Beliebtheit zuerst genannt. Jedes Jahr werden die Engländer vom yellow fever – gelben Fieber – infiziert. Wales hat die Narzisse sogar im Wappen. Die wichtigsten Züchter kommen aus Irland und Großbritannien. Copeland, Richardson, Engleheart, Backhouse, Williams, um nur einige Namen zu nennen, haben herrliche Narzissenkreationen geschaffen. Jedes Kind in England lernt das Gedicht von William Wordsworth über die „daffodils“ – wie die Trompetennarzissen dort genannt werden – hier ein paar Zeilen in Deutsch:

Der Wolke gleich, zog ich einher
die einsam zieht hoch übers Land,
als unverhofft vor mir das Meer
von tanzenden Narzissen stand…

NarzisseAus der Familie der Amaryllisgewächsen stammend, sind die Narzissen schon in der Antike Bestandteil der griechischen Mythologie. Der Dichter Ovid beschreibt sie in seinen „Metamorphosen“ und auch Homer erwähnte sie schon. Pausania erzählte über den begehrten Jüngling Narcissos, Sohn einer Nymphe des Wassers, der seine Schönheit im Spiegelbild eines Teiches bewunderte (Narzissmus). Eines Tages erlag er seiner Faszination, verlor das Gleichgewicht und ertrank im Teich. An dieser Stelle jedoch erblühte eine Narzisse. Der süße, berauschende Duft der Dichternarzisse (Narcissus poeticus) wirkte narkotisierend, so meinten die antiken Dichter.
In der Symbolik steht die Narzisse für Erstarrung in falschen Vorstellungen von sich selbst, für Schlaf, Tod aber auch Wiedergeburt. Ab Ende März verkünden die gelben Osterblumen, Osterglocken (Narcissus pseudonarcissus) den Frühling, neue Fruchtbarkeit und den Lenz der Liebe. Auf mittelalterlichen Tafelmalereien werden sie in Verbindung mit der Auferstehung Christi dargestellt.

In der orientalischen Welt fanden sie Eingang in Spruchweisheiten: „Wer zwei Brote kauft, verkaufe eines und kaufe sich Narzissenblüten dafür, denn Brot ist nur der Körper Nahrung, die Narzisse aber nährt die Seele“. Der Dichter Anzadin al Mokadessi preist die Narzisse mit den Worten: „Mein Kelch kleidet mich in der Reinheit des Lichts, ein smaragder Stengel trägt mich, und Gold und Silber sind mein Kleid“. In China symbolisiert die Narzisse (shui-sien) Unsterblichkeit. Wahrscheinlich ist die Narzisse aber erst durch portugiesische Mönche nach Ostasien gekommen.
Schon im Alten Ägypten wurde ein Kranz geflochtener weißer Tazetten als Grabbeilage gefunden.

Da die Narzisse in der Medizin und in der Nahrung eine untergeordnete bzw. keine Rolle spielt, kann man sie als eine der ersten Kulturpflanzen, die zur Freude und Trauer der Menschen angepflanzt wurden, ansehen.
Das Ursprungsgebiet der Narzisse war die Iberische Halbinsel, auch die Pyrenäen und Südfrankreich, bevor sie sich in allen Anrainerstaaten des Mittelmeeres verbreitete. Heute noch findet man dort beträchtliche Wildbestände. Auch nach Norden wanderte sie ein. So befinden sich u.a. Wildbestände in der Eifel, in den Alpen und in den Vogesen. In Erkner bei Berlin auf einer Löcknitzwiese erfreuen uns Reifrocknarzissen (Narcissus bulbocodium). Als Stinzenpflanze (eingeführte und danach verwilderte Pflanzen) finden wir Massen von Narzissen auf der Kanalinsel Guernsey, in England und Schottland.

Der erste namhafte europäische Narzissenzüchter war Carolus Clusius, der sich Ende des 16. Jahrhunderts aus allen Gegenden Narzissen, insbesondere Tazetten schicken ließ und so die niederländische Tazettenproduktion begründete.
In verschiedenen Orten gibt es heute Narzissenfeste, Parks und Gärten laden zu Narzissenschauen ein. Alle zwei Jahre findet in Géradmer, der „Perle der Vogesen“, das Fête des Jonquilles statt und im österreichischen Bad Aussee werden Boote und Wagen mit Dichternarzissen geschmückt. Um Schloß Ippenburg wurden Hunderttausende Narzissen angepflanzt. Auf der Insel Mainau, im Barockgarten Schwetzingen, im Keukenhof in den Niederlanden und in Mittelschweden, aber auch in vielen Privatgärten kann man eine Vielzahl von Narzissen bewundern.Narzissen
Da die Narzisse schnell zu Naturmutationen neigt, entstanden viel Naturhybriden. Durch aktive Züchtung erhöhte sich noch die Anzahl der Arten und Sorten. Die Royal Hortical Society in London registriert etwa 40 000 Sorten, davon wird aber nur ein geringer Teil im Handel angeboten, maximal sind es insgesamt 2000 Sorten. Die meisten Blumenkataloge bieten jedoch unter 200 Sorten an. 85 Arten werden von Botanikern als gültig angesehen. In Limmen (Niederlande) befindet sich im „Hortus Bulborum“ eine Sammlung historischer Blumenzwiebeln, wo unter anderem etwa 1100 historische Narzissensorten für die Nachzucht gehegt und gepflegt werden.

Die Vielfalt erschwert die Entscheidung bei der Pflanzung. Es lassen sich jedoch verschiedene Kriterien für die eigene Nutzung aufstellen.

  1. Die Blütezeit: Man unterscheidet zwischen früh, mittel und spät, wobei die Zeitspanne zwischen Februar bis einschließlich Mai reicht. Die Narzisse „Februar Gold“ blüht schon mit den Krokussen und die letzten Dichternarzissen blühen zur Zeit der Lilienblüte. Aber es gibt auch herbstblühende Narzissen, wie narcissus serotinus, narcissus broussonetii und narcissus viridiflorus.
  2. Die Wuchshöhe der Narzisse: Die frühblühenden sind niedrig, so die narcissus asturiensis mit 5 cm bis 8 cm. Die gleiche Wuchshöhe haben auch narcissus minor, narcissus nanus und narcissus pumilus. Dagegen kann die späte Dichternarzisse (narcissus poeticus var. recurvus) bis zu 50 cm hoch werden.
  3. Die Blütengröße kann zwischen 18 Millimeter, z.B. bei narcissus scaberulus und 7 cm bei narcissus pseudonarcissus schwanken.
  4. Die Winterhärte der Narzissen, Mehrblüher und die Intensität des Duftes, sind zusätzliche Kriterien. Bei weiten nicht alle Narzissen sind total winterhart, so z.B. die beliebte Narzisse „Tête à Tête“. Einige Tazettennarzissen sind ebenfalls nicht vollständig winterhart. Im Handel werden jedoch zumeist winterharte Narzissenzwiebeln angeboten. Narzissen wachsen auf alkalischen, neutralen und bis leicht sauren Böden. Sie lieben im Frühling feuchte Böden und im Sommer zum „Ausbacken“ trockene Standorte. Sie gedeihen auf Bergwiesen, aber auch auf leichtem, sandigem Boden. Sandböden können durch Düngergaben (Rinderdung) verbessert werden. Der Standort muss sonnig bis leicht schattig sein. Narzissenzwiebeln enthalten Alkaloide, die für Wühlmäuse giftig sind. Für uns Hobbygärtner ist dies von großem Vorteil!
  5. Das wichtigste Kriterium für Botaniker und Gartenliebhaber sind Farbe und Form der Narzissenblüte. Gelb, weiß, rosa, orange, grün und rot kann die sechsblättrige Hauptkrone oder Nebenkrone eingefärbt sein. Manchmal wird das Nichtausbleichen (sunproof) bei orangefarbenen Narzissen angegeben.

Offene gartenpforte 2015 bei Dr. WilkeDie genannten Kriterien lassen zahlreiche Kombinationen bei der Auswahl der anzupflanzenden Narzissen zu. Um eine Ordnung in diese Vielfalt hineinzubringen, teilt man die Narzissen in 13 Klassen ein:
Die Klasse 1 sind die Trompetennarzissen (Osterglocken, z.B. narcissus „Mount Hood“.
Klasse 2 sind großkronige Narzissen, z.B. narcissus „Aberfoyle“.
Zur Klasse 3 zählt man die kleinkronigen Narzissen, z.B. narcissus „Conspicuus“.
Klasse 4 umfasst die gefüllten Narzissen, z.B. narcissus „Replete“, narcissus „Rip van Winkle“ und die historische Sorte narcissus „Butter and Eggs“, die schon vor 1777 in Kultur war. Bei Regengüssen neigen einige der „schwergewichtigen“ gefüllten Narzissen zum Umfallen oder Abknicken.
In der Klasse 5 stellt man die Engelstränennarzissen, die halbwegs winterhart sind, z.B. narcissus triandrus „Hawera“, narcissus triandrus „Petrel“ und narcissus triandrus „Thalia“.
Klasse 6 umfasst die Alpenveilchen-Narzissen. Beispiele dafür sind, narcissus cyclamineus „Februar Gold“, narcissus cyclamineus „Peeping Tom“.
In der Klasse 7 befinden sich die Jonquillen, z.B. narcissus jonquilla „Baby Moon“ und narcissus jonquilla „Sun Disc“.
Klasse 8 enthält die Poetaznarzissen/Tazetten, z.B. narcissus „Grand Soleil d’Or“, die leider nicht winterhart ist. Eine Mehrblütigkeit pro Stil wie bei der narcissus „Falconet“ ist bei allen Tazetten vorhanden.
In Klasse 9 zählen die Dichternarzissen, z.B. narcissus „Actea“.
Zur Klasse 10 gehören die Narzissen mit dem „Petticoat“, also die Reifrocknarzissen narcissus bulbocodium-Sorten.
Klasse 11 bilden die Split-Coronas, die geschlitzten orchideenblütigen Narzissen, wie narcissus „Trepolo“ und narcissus „Cassata“.
In die Klasse 12 werden alle Sorten, die keiner der anderen zugeordnet werden können, aufgenommen, z.B. narcissus „Tête à Tête“ und narcissus „Timy Bubbles“.
Klasse 13 umfasst alle Wildnarzissen und Naturhybriden, z.B. die wilde narcissus jonquilla. Die Systematik kennt dort 11 verschiedene Sektionen.

Man sieht, dass für jeden Hobbygärtner nach seinem Geschmack etwas dabei ist. Wichtig ist, dass man sich in der Hauptblütezeit im April an den leuchtenden Farben und Formen der Narzissenblüten erfreuen kann. Zu dieser Zeit blühen in unserem Garten in Woltersdorf, Waldstraße 16 auch viele Narzissen und Tulpen, so dass wir an den Wochenenden 11./12. und 18./19. April 2015 ab 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr unsere Gartenpforte geöffnet haben.

Translate »